Schnabl-Studie Universität Leipzig: Methodik | TraberNova

Updated Juli 2026
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Inhaltsverzeichnis

Die Schnabl-Studie der Universität Leipzig — formal: Wirtschaftliche Bedeutung des deutschen Glücksspielmarktes 2022 — ist eines dieser akademischen Werke, die in Branchenkreisen den Status einer Schlüsselreferenz erreicht haben, während sie in der breiteren öffentlichen Wahrnehmung kaum bekannt sind. Wer eine Diskussion über die Größe und Kanalisierung des deutschen Glücksspielmarktes führt, kommt nicht umhin, sich mit den Ergebnissen dieser Studie auseinanderzusetzen — entweder durch Zustimmung oder durch fundierte Gegenargumentation. Beide Positionen finden sich in der laufenden Debatte zwischen DSWV und GGL.

Untersuchungsdesign und Methodik

Die Studie wurde am Institut für Sportökonomie der Universität Leipzig unter Leitung von Stefan Schnabl durchgeführt und 2022 vorgelegt. Die Untersuchungsfrage war konkret: Wie groß ist der deutsche Glücksspielmarkt 2022 insgesamt, und welcher Anteil davon ist legal kanalisiert?

Untersuchungsdesign und Methodik der Leipziger Studie auf einem Whiteboard

Die Methodik kombiniert mehrere Datenquellen. Erstens: Offizielle Daten der GGL und der Landesbehörden zu lizenziertem Wagering, Steuerabführung und Spielerzahlen. Zweitens: Befragungen von Endspielern zu ihrem Spielverhalten, einschließlich der Frage, ob sie bei lizenzierten oder unregulierten Anbietern aktiv sind. Drittens: Marktbeobachtung zu Suchvolumen, Affiliate-Netzwerken und Zahlungsstrom-Analysen, die Hinweise auf das unregulierte Wagering geben.

Aus methodischer Sicht ist diese Triangulation der Standard für Schwarzmarkt-Schätzungen. Sie ist nicht perfekt — kein Verfahren kann unregulierte Märkte exakt erfassen —, aber sie ist methodisch fundiert und in vergleichbaren akademischen Studien zu Glücksspielmärkten in anderen Ländern etabliert.

Ein wichtiger methodischer Punkt: Die Studie unterscheidet zwischen verschiedenen Glücksspielarten — Online-Sportwetten, Online-Casino, virtuelle Automaten, Online-Poker, Lotto, Pferdewetten —, weil die Kanalisierungsquoten zwischen diesen Sparten erheblich variieren. Eine pauschale Kanalisierungsquote für den Gesamtmarkt ist daher analytisch weniger aussagekräftig als segmentierte Schätzungen.

Kernergebnis 24,3 Milliarden Euro Gesamtmarkt

Das Hauptergebnis der Studie: Der deutsche Glücksspielmarkt 2022 hatte ein Gesamtvolumen von rund 24,3 Milliarden Euro, gemessen am Brutto-Wagering aller Spielformen einschließlich Lotto. Diese Zahl umfasst sowohl den lizenzierten Bereich als auch das unregulierte Wagering deutscher Spieler bei nicht-GGL-konformen Anbietern.

Gesamtmarkt-Volumen des deutschen Glücksspiels als Säulendiagramm

Aus diesem Gesamtmarkt ordnet die Studie 50,7 Prozent dem legal kanalisierten Bereich zu. Die restlichen 49,3 Prozent fließen über unregulierte Anbieter — Online-Casinos in Curaçao, Sportwett-Anbieter ohne GGL-Lizenz, Krypto-Plattformen, Bitcoin-basierte Wett-Angebote und ähnliche Formate.

Diese Verteilung gilt für den Gesamtmarkt. Innerhalb einzelner Spielformen variieren die Werte erheblich. Lotto ist nahezu vollständig kanalisiert (über 95 Prozent legal). Sportwetten liegen besser kanalisiert als Online-Casino. Online-Slots haben in der Schnabl-Methodik die niedrigste Kanalisierungsquote — hier soll nach Studienschätzung ein erheblicher Anteil der Wagerings im unregulierten Bereich stattfinden.

Implikationen für die Branche

Wenn die Schnabl-Zahlen zutreffen, ergibt sich ein dramatisches Bild für die Branche. Etwa 12 Milliarden Euro Wagering pro Jahr fließen über unregulierte Kanäle — das entspricht ungefähr dem doppelten der gesamten lizenzierten Online-Glücksspiel-Volumina, die die GGL in ihren Quartalsdaten ausweist.

Implikationen der Studie für die Glücksspielbranche in Deutschland

Aus Steuerperspektive ist das eine massive Lücke. Bei einer durchschnittlichen effektiven Steuerbelastung von 15 Prozent über alle Spielformen (Sportwettensteuer plus VST plus weitere Abgaben) würden 12 Milliarden Wagering theoretisch 1,8 Milliarden Euro Steueraufkommen für den Fiskus bedeuten. Diese Summe fehlt dem deutschen Haushalt.

Aus Spielerschutz-Perspektive ist die Größenordnung ebenso ernst. Wenn die Hälfte aller spielenden deutschen Bürger im unregulierten Bereich agiert, fehlt der GGL-Schutzapparat (LUGAS, OASIS, KYC) für diese Hälfte der Spieler vollständig. Das ist keine theoretische Lücke, das ist eine reale Schutzunterversorgung.

GGL-Kritik an der Methodik

Die GGL als Aufsichtsbehörde widerspricht der Schnabl-Studie methodisch. Im Tätigkeitsbericht 2024 wird argumentiert, dass die Spieler-Befragungen Selbstauskünfte enthalten, die zur Übertreibung des unregulierten Wagering tendieren — Spieler überschätzten oft ihre Nutzung internationaler Plattformen, weil das Befragungssetting eine bestimmte Antworttendenz erzeuge.

Methodische Kritik der GGL an der Leipziger Studie

Zweitens argumentiert die GGL, dass die Affiliate-Netzwerk-Analysen veraltete Daten nutzen, die das Niveau vor der GlüStV-2021-Reform widerspiegeln. Die seither getroffenen behördlichen Maßnahmen — Payment-Blocking, IP-Sperren, Strafverfolgung gegen lokale Werber — hätten die unregulierten Marktanteile gesenkt, ohne dass die Studie diese Entwicklung berücksichtige.

Drittens stellt die Behörde die Branchen-Finanzierung der Studie infrage. Die Schnabl-Studie wurde teilweise durch DSWV-Mitgliedsbeiträge finanziert, was zwar akademisch transparent kommuniziert wird, aber methodisch Befangenheits-Bedenken erzeugen kann.

Die Schnabl-Forschungsgruppe wiederum verweist auf die methodische Sorgfalt, die kollegiale Begutachtung der Studie und das nachvollziehbare Vorgehen. Sie verweist darauf, dass akademische Forschung in vielen Sparten von Branchenmitteln mit-finanziert wird, ohne dass das die wissenschaftliche Validität untergräbt — entscheidend sei die transparente Offenlegung und die methodische Sauberkeit.

Bedeutung der Studie für die Politik

Unabhängig von methodischen Detaildiskussionen ist die Schnabl-Studie der einzige umfassende akademische Versuch, den deutschen Schwarzmarkt zu quantifizieren. Dadurch ist sie politisch in der Diskussion über Reformbedarf zur Schlüsselreferenz geworden. Mehr zur weiteren Auseinandersetzung mit den Studien-Ergebnissen findet sich im Beitrag zur H2GC versus GGL-Kanalisierungsdebatte, der die methodischen Schätzungs-Unterschiede ergänzend beleuchtet.

Bedeutung der Schnabl-Studie für die politische Entscheidungsfindung

Die Studie hat Aufmerksamkeit in mehreren Landesparlamenten gefunden, in Bundestagsausschüssen und in europäischen Glücksspielregulierungsforen. Sie ist Teil des Argumentations-Repertoires der DSWV-Forderung nach regulatorischer Lockerung und gleichzeitig Reibungspunkt mit der GGL.

Was an der Studie analytisch besonders wertvoll ist: die segmentierte Sicht. Statt einer einzigen Kanalisierungsquote für den Gesamtmarkt bietet sie differenzierte Schätzungen für jede Spielform. Das ermöglicht zielgerichtete Reformdiskussionen — wenn etwa Online-Slots eine besonders niedrige Kanalisierung aufweisen, kann die Politik dort gezielt nachsteuern, statt pauschal über alle Spielformen zu legieren.

Aus meiner analytischen Sicht ist die Schnabl-Studie methodisch ernst zu nehmen, auch wenn man die genauen Prozentzahlen mit Vorsicht interpretieren sollte. Die Größenordnung — ein erheblicher Anteil unregulierten Wagerings — ist plausibel und durch sekundäre Indikatoren wie Suchvolumen, Affiliate-Trends und Branchengespräche bestätigt. Ob die Quote 50, 65 oder 80 Prozent legal kanalisiert ist, lässt sich methodisch nicht final klären — aber dass ein substanzieller unregulierter Markt besteht, ist nicht ernsthaft bestreitbar.

Für die Spielerpraxis ist die Hauptlehre: Der unregulierte Markt ist eine Realität, die größer ist als oft angenommen. Wer informiert spielen will, sollte sich der Unterschiede zwischen lizenzierten und unregulierten Anbietern bewusst sein und seine Entscheidung mit voller Kenntnis dieser Marktstruktur treffen.

Eine weitere Überlegung, die sich aus der Studienarbeit ableiten lässt: Die unterschiedliche Kanalisierung zwischen Spielformen zeigt, dass regulatorische Architekturen unterschiedlich gut funktionieren. Lotto, traditionell der älteste regulierte Bereich, hat die höchste Kanalisierungsquote — das funktioniert. Online-Slots, die neueste regulierte Sparte mit den stärksten Auflagen (5-Sekunden-Spin-Limit, monatliches Einzahlungslimit, keine Jackpots), haben die niedrigste Kanalisierungsquote — die Restriktionen erzeugen Abwanderung in den unregulierten Bereich. Diese Korrelation zwischen Regulierungsstrenge und Kanalisierungslücke ist die zentrale politische Lehre der Studie.

Aus der Sicht der virtuellen Pferderennen-Branche, die in der Studie als Unterabschnitt der Sportwetten geführt wird, ergibt sich eine spezifische Position: Die Spielform ist relativ gut kanalisiert, weil die Hochregulierung im Sportwett-Bereich weniger streng ist als im Online-Slot-Bereich. Pferdewetten generell, einschließlich virtueller Varianten, haben in der Schnabl-Schätzung eine über dem Gesamtmarkt-Durchschnitt liegende Kanalisierungsquote — was die regulatorische Strategie für dieses Segment teilweise rechtfertigt.

Wer hat die Schnabl-Studie finanziert?

Die Studie wurde am Institut für Sportökonomie der Universität Leipzig durchgeführt und teilweise durch DSWV-Mitgliedsbeiträge finanziert. Diese Finanzierungsstruktur ist transparent kommuniziert und akademisch nachvollziehbar dokumentiert, hat in der GGL-Kritik aber zu Befangenheits-Diskussionen geführt.

Wann erscheint eine Folgestudie mit aktualisierten Zahlen?

Aus öffentlichen Verlautbarungen der Forschungsgruppe ist eine konkrete Folgestudie mit aktualisierten Marktdaten für 2024 oder 2025 in Aussicht gestellt, ohne dass ein Veröffentlichungstermin bekannt ist. Die methodische Aufbereitung ähnlich umfassender Datenbestände dauert typischerweise zwölf bis achtzehn Monate.

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