Forsa vs. ISD Hamburg: Spielsucht-Daten 2024/2025 | TraberNova

Updated Juli 2026
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Im Gespräch mit einer Suchtberaterin in Köln vor einigen Monaten kam die Diskussion auf die statistische Erfassung von Spielsucht in Deutschland. Sie formulierte präzise, was viele Branchenkenner intern denken: Es gibt zwei sehr unterschiedliche Datenwelten in dieser Frage, und beide sind methodisch ernst zu nehmen. Die Forsa-Umfrage 2024 im Auftrag des DSWV und die wissenschaftliche Studienarbeit des Instituts für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung Hamburg (ISD) — auch bekannt als Buth/Meyer/Kalke-Studienreihe — kommen zu deutlich unterschiedlichen Schätzungen problematischen Spielverhaltens. Wer Spielsucht in Deutschland verstehen will, muss beide Datensätze nebeneinander lesen.

Forsa-Umfrage 2024 — die Branchen-Sicht

Die Forsa-Umfrage 2024, beauftragt vom DSWV, befragte eine repräsentative Stichprobe der deutschen Bevölkerung zu ihrem Glücksspielverhalten. Ein zentrales Ergebnis: Nur 1 Prozent der Befragten gaben an, ihr Glücksspielverhalten als problematisch wahrzunehmen. Diese Zahl liegt deutlich unter den Schätzungen der wissenschaftlichen Studien zum problematischen Spielverhalten.

Forsa-Umfrage 2024 als Branchen-Perspektive auf Spielsucht in Deutschland

Die Forsa-Methodik ist standardisierte Meinungsforschung. Telefonische oder online-basierte Befragung einer repräsentativen Stichprobe mit standardisierten Fragebögen. Diese Methodik ist für viele Erkenntniszwecke wertvoll, hat aber spezifische Schwächen bei der Erfassung von Spielsucht.

Die Hauptschwäche: Selbstauskunfts-Verzerrung. Menschen, die problematisches Spielverhalten haben, neigen dazu, dieses Verhalten in Befragungen zu verbergen oder zu untertreiben. Schamgefühl, Verleugnung und kognitive Verzerrungen wirken zusammen, sodass die selbstberichteten Problemraten typischerweise unter den tatsächlichen Raten liegen. Diese Verzerrung ist in der Suchtforschung gut dokumentiert und gilt nicht nur für Spielsucht, sondern für alle stigmatisierten Verhaltensweisen.

Aus DSWV-Sicht ist die Forsa-Umfrage ein Beleg dafür, dass problematisches Glücksspiel in Deutschland ein vergleichsweise begrenztes Phänomen sei. Die Forsa-Zahl wird in der politischen Argumentation des Verbands genutzt, um restriktiven Regulierungsforderungen entgegenzuwirken.

ISD Hamburg — wissenschaftliche Schätzungen

Die Buth/Meyer/Kalke-Studienreihe des ISD Hamburg kommt zu deutlich anderen Ergebnissen. Aus den jüngsten Erhebungen ergibt sich folgendes Bild: Etwa 1,3 Millionen Menschen in Deutschland zeigen problematisches Glücksspielverhalten, hochgerechnet aus der Bevölkerungsumfrage und gewichtet nach diagnostischen Kriterien. Davon entwickeln rund 430 000 Menschen ein pathologisches Glücksspielverhalten im klinischen Sinne.

ISD Hamburg als wissenschaftliche Forschungseinrichtung zum Glücksspiel

Bezogen auf die erwachsene Bevölkerung in Deutschland entspricht das einer Problemquote von etwa 1,8 Prozent für problematisches Spielen und 0,6 Prozent für pathologisches Spielen — zusammen rund 2,4 Prozent. Damit liegt die wissenschaftliche Schätzung mehr als doppelt so hoch wie der Forsa-Wert.

Die ISD-Methodik nutzt standardisierte diagnostische Instrumente wie den South Oaks Gambling Screen (SOGS) oder das DSM-5-basierte Inventar pathologischen Glücksspielens. Diese Instrumente fragen nicht nach Selbstwahrnehmung, sondern nach konkreten Verhaltensmerkmalen — Häufigkeit, Höhe der Einsätze, finanzielle Konsequenzen, soziale Folgen, Kontrollverlust. Dadurch sind sie weniger anfällig für Selbstauskunfts-Verzerrungen.

Eine wichtige Differenzierung in der ISD-Sicht: Online-Sportwetten haben eine deutlich höhere Problemrate als andere Glücksspielarten. Etwa 11,3 Prozent aller deutschen Online-Sportwetten-Spieler erfüllen die Kriterien für riskantes oder problematisches Spielverhalten. Bei Slots ist die Quote noch höher, bei Lotto deutlich niedriger.

Methodische Unterschiede

Wie kann es sein, dass zwei seriöse Erhebungen so unterschiedliche Ergebnisse produzieren? Die Antwort liegt in den methodischen Grundlagen. Forsa misst Selbstwahrnehmung problematischen Verhaltens — die Frage „halten Sie Ihr Glücksspielverhalten für problematisch?“. ISD Hamburg misst Verhaltensindikatoren mit diagnostischer Validität — Fragen wie „wie oft haben Sie in den letzten zwölf Monaten mehr Geld verspielt, als Sie sich leisten konnten?“ oder „haben Spielverluste Ihre Arbeit oder Beziehungen beeinflusst?“.

Methodische Unterschiede der beiden Spielsucht-Studien im direkten Vergleich

Beide Methoden haben analytischen Wert, aber sie messen unterschiedliche Dinge. Forsa misst, wie viele Menschen sich selbst als Problemspieler einordnen. ISD misst, wie viele Menschen Verhaltensmerkmale aufweisen, die nach klinischen Standards problematisch sind. Diese beiden Größen sind nicht identisch, weil viele Problemspieler ihre eigene Situation nicht als problematisch wahrnehmen.

Aus suchtwissenschaftlicher Sicht sind die ISD-Werte näher an der klinischen Realität. Selbstauskunfts-Studien zu stigmatisierten Verhaltensweisen unterschätzen systematisch die tatsächlichen Problemraten. Das ist nicht spezifisch für Glücksspiel, sondern gilt für Alkohol, Drogenkonsum, Essstörungen und ähnliche Bereiche gleichermaßen. Mehr zur Diskussion über problematisches Spielverhalten im Sportwett-Bereich findet sich im Beitrag zu Problem Gambling und virtuelle Sportwetten.

Implikationen für Spielerschutz

Die Differenz zwischen Forsa und ISD ist nicht nur akademisch. Sie hat reale Auswirkungen auf die politische Diskussion zum Spielerschutz. Wer der Forsa-Zahl folgt, sieht ein begrenztes Problem, das durch die bestehende Regulierungsarchitektur ausreichend adressiert sei. Wer der ISD-Zahl folgt, sieht eine substanzielle gesellschaftliche Herausforderung, die zusätzliche Schutzmaßnahmen erfordert.

Implikationen der Spielsucht-Daten für den deutschen Spielerschutz

Bei 1,3 Millionen problematischen Spielern in Deutschland reden wir nicht von einer Nische, sondern von einer Volkskrankheit mit Ausmaß. Zum Vergleich: In Deutschland leben etwa 1,7 Millionen Menschen mit Diabetes Typ 1 und etwa 2 Millionen Menschen mit alkoholbedingten Störungen. Spielsucht in der ISD-Größenordnung ist mit diesen Phänomenen quantitativ vergleichbar.

Auch der LUGAS-Einsatzlimit-Mechanismus mit 1000 Euro Monatslimit ist in dieser Diskussion zu verstehen. Wenn 11,3 Prozent der Online-Sportwetter problematisches Verhalten zeigen, ist das LUGAS-Limit eine direkte Schutzmaßnahme für diese Gruppe — wenn auch unvollkommen, weil es nur durchschnittliche Limits setzt und nicht individuell auf Risikogruppen abgestimmt ist.

Gemeinsame Punkte beider Studien

Trotz der quantitativen Differenz gibt es Punkte, in denen Forsa und ISD übereinstimmen. Erstens: Online-Glücksspiel hat höhere Problemraten als terrestrisches Glücksspiel. Diese Erkenntnis ist in beiden Studien klar erkennbar. Online-Wetten sind 24/7 verfügbar, das Schwellen-Erlebnis ist niedrig, und die Geschwindigkeit der Wett-Zyklen ist höher als bei terrestrischen Angeboten.

Gemeinsame Befunde von Forsa und ISD Hamburg trotz methodischer Differenz

Zweitens: Jüngere Spielergruppen haben höhere Problemraten als ältere. Beide Studien zeigen, dass die 18- bis 35-Jährigen die anfälligste Altersgruppe für problematisches Spielen sind. Diese Erkenntnis hat regulatorische Konsequenzen — Schutzmaßnahmen für junge Spieler sollten besonders robust ausgestaltet werden.

Drittens: Männliche Spieler haben deutlich höhere Problemraten als weibliche. Beide Studien dokumentieren diese Geschlechterdifferenz konsistent. Die Differenz ist im Online-Bereich noch ausgeprägter als im terrestrischen Bereich.

Aus meiner analytischen Sicht ist die ISD-Studienarbeit das verlässlichere Bild für politische und gesellschaftliche Diskussionen. Die Forsa-Umfrage hat ihren Wert als ergänzendes Bevölkerungsmonitoring, aber sie sollte nicht als Hauptbeleg für die Größe des Spielsucht-Problems herangezogen werden. Mathias Dahms vom DSWV hat in mehreren Statements die Forsa-Zahl als Argument gegen restriktive Regulierungsforderungen genutzt — methodisch ist diese Argumentation problematisch, weil die Forsa-Zahl nicht die tatsächliche Problemgröße misst.

Für Spieler ist die Hauptlehre: Wer den Verdacht hat, eigenes Spielverhalten könnte problematisch sein, sollte sich nicht auf Selbstwahrnehmung verlassen. Suchtberatungsstellen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und regionale Suchtberatungen bieten standardisierte Screening-Instrumente an, die diagnostisch valider sind als Selbstreflexion.

Wer hat die Forsa-Umfrage 2024 finanziert?

Die Umfrage wurde vom Deutschen Sportwettenverband DSWV finanziert und in Auftrag gegeben. Die Methodik folgt etablierten Standards der Meinungsforschung. Die Frage der Branchen-Finanzierung wird in der politischen Diskussion gelegentlich kritisch thematisiert, ohne dass die Methodik selbst angezweifelt wird.

Sind die ISD-Schaetzungen international anerkannt?

Die ISD-Studienreihe nutzt international etablierte diagnostische Instrumente und ist in Suchtforschungs-Fachzeitschriften regelmäßig publiziert. Die Methodik ist mit vergleichbaren Studien in anderen Ländern kompatibel und wird in der akademischen Welt als seriöser Beitrag zur Glücksspielforschung anerkannt.

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