H2GC vs. GGL: Kanalisierungsdebatte Deutschland | TraberNova

Updated Juli 2026
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Wer sich in die Glücksspielmarkt-Statistik vertieft, stößt früher oder später auf einen merkwürdigen Befund: Zur Kanalisierungsquote des deutschen Marktes existieren parallel zwei sehr unterschiedliche Schätzungen, die sich nicht durch Detailrechnung versöhnen lassen. H2 Gambling Capital — eine renommierte britische Marktforschungsfirma — und die deutsche Aufsichtsbehörde GGL kommen zu Werten, die einer um den Faktor zwei unterscheiden können. Diese Diskrepanz ist nicht zufällig, sie ist methodisch fundiert auf beiden Seiten — und sie wirft ein Licht auf die Schwierigkeit, einen unregulierten Markt überhaupt zu quantifizieren.

H2GC als Marktforschungsfirma

H2 Gambling Capital, kurz H2GC, ist ein in Großbritannien ansässiges Beratungs- und Marktforschungsunternehmen mit Schwerpunkt auf der Glücksspielindustrie. Das Unternehmen liefert regelmäßig Marktschätzungen für nationale und internationale Glücksspielmärkte, die in Branchenkreisen als Referenz gelten. H2GC-Daten werden von Investoren, Operatoren, Behörden und akademischen Forschern gleichermaßen zitiert.

H2 Gambling Capital als spezialisierte Marktforschungsfirma am Analystentisch

Die Methodik von H2GC kombiniert öffentliche Daten — Geschäftsberichte börsennotierter Operatoren, Steuerangaben der nationalen Behörden, öffentliche Marktstudien —, vertrauliche Branchenkontakte und proprietäre Modellierungen. Das Unternehmen veröffentlicht jährliche Reports zur globalen Glücksspielindustrie und periodische Updates zu spezifischen Märkten.

Für den deutschen Markt liefert H2GC seit Jahren Schätzungen, die mit den Schnabl-Werten weitgehend konsistent sind. Die Kanalisierungsquote wird typischerweise zwischen 45 und 55 Prozent angesetzt, der unregulierte Anteil entsprechend zwischen 45 und 55 Prozent. Diese Schätzungen sind über mehrere Jahre stabil und werden in Branchenforen regelmäßig aktualisiert.

GGL-Position im Tätigkeitsbericht

Die GGL als deutsche Aufsichtsbehörde widerspricht der H2GC-Sicht fundamental. Im Tätigkeitsbericht 2024 wird argumentiert, dass für die meisten Glücksspielarten Kanalisierungsquoten von über 90 Prozent erreicht würden. Diese Aussage erscheint sehr optimistisch und steht im klaren Widerspruch zu den H2GC-Schätzungen.

GGL-Position im offiziellen Tätigkeitsbericht der Behörde

Die behördliche Position basiert auf einer anderen methodischen Herangehensweise. GGL-Daten erfassen primär das lizenzierte Wagering — die offiziellen Zahlen, die von Operatoren gemeldet werden. Das unregulierte Wagering wird durch Schätzungen ergänzt, die methodisch weniger transparent kommuniziert sind als die akademischen Studien-Ansätze.

Aus behördlicher Sicht ist die hohe Kanalisierungsquote ein Beleg für die Wirksamkeit der GlüStV-2021-Regulierung. Wenn die Quote tatsächlich bei 90 Prozent läge, würde das die Spielerschutzwirkung der deutschen Regulierungsarchitektur klar belegen.

Aus Branchen- und akademischer Sicht ist die GGL-Schätzung methodisch fragil. Es gibt keine öffentliche Dokumentation, wie die 90-Prozent-Zahl methodisch berechnet wurde, welche Datenquellen einbezogen wurden und wie das unregulierte Wagering konkret geschätzt wurde.

Methodische Schätzunterschiede

Wie kann es sein, dass zwei seriöse Schätzungen einen Faktor zwei oder mehr auseinander liegen? Die Antwort liegt in der unterschiedlichen Erfassung des unregulierten Marktes.

Methodische Unterschiede zwischen H2GC und GGL im Vergleich

Die Schnabl- und H2GC-Methoden nutzen Spieler-Befragungen, Suchvolumen-Analysen, Affiliate-Netzwerk-Untersuchungen und Zahlungsstrom-Beobachtungen. Sie schätzen das unregulierte Wagering bottom-up aus Indikatoren des Spielerverhaltens. Diese Ansätze tendieren zu höheren Schwarzmarkt-Schätzungen, weil sie Hinweise auf unregulierte Aktivität sammeln, die in offiziellen Daten nicht erscheinen.

Die GGL-Methodik scheint eher top-down zu funktionieren — ausgehend vom lizenzierten Wagering wird der unregulierte Anteil als Resterscheinung modelliert, mit Annahmen über die Marktentwicklung, die behördlichen Maßnahmen-Effekte und die Spielerwanderung. Diese Methodik tendiert zu niedrigeren Schwarzmarkt-Schätzungen, weil sie das offizielle Wagering als Ausgangsgröße nimmt.

Welche Methodik korrekter ist, lässt sich nicht ohne weiteres entscheiden. Beide haben strukturelle Schwächen. Spieler-Befragungen leiden unter Selbstauskunfts-Verzerrungen. Top-Down-Modelle leiden unter unsichtbaren blinden Flecken im unregulierten Bereich. Mehr zur grundlegenden Studienarbeit findet sich im Beitrag zur DSWV-Position zur Schwarzmarktdebatte, der die politische Dimension der Methodikfrage aufgreift.

Was eine externe Studie bringen könnte

Aus meiner analytischen Sicht wäre eine extern beauftragte, methodisch transparente Studie der wertvollste Beitrag zur Klärung dieser Debatte. Eine solche Studie sollte mehrere Voraussetzungen erfüllen.

Mehrwert einer externen unabhängigen Studie zum deutschen Markt

Erstens: Unabhängigkeit von Branche und Behörde. Weder DSWV-Finanzierung noch GGL-Beauftragung sollten methodische Befangenheits-Sorgen erzeugen können. Eine wissenschaftliche Institution mit unabhängigem Forschungsfonds wäre die beste Trägerorganisation.

Zweitens: Vollständige Methodentransparenz. Datenquellen, Schätzverfahren, Annahmen und Grenzen müssten so dokumentiert werden, dass kollegiale Begutachtung und methodische Replikation möglich sind. Beide bisherigen Schätzungen weisen in der Methodentransparenz Defizite auf — Schnabl in der Spieler-Befragungs-Methodik, GGL in der Schätzungsdokumentation.

Drittens: Segmentierte Sicht. Eine pauschale Kanalisierungsquote für den Gesamtmarkt ist analytisch wenig aussagekräftig. Differenzierte Werte für Online-Sportwetten, Online-Casino, Online-Slots, Pferdewetten und Online-Poker wären für die politische Diskussion deutlich nützlicher.

Viertens: Mehrjährige Beobachtung. Punktuelle Schätzungen für ein einzelnes Jahr lassen Trends nicht erkennen. Eine fortlaufende mehrjährige Studienreihe würde Marktentwicklungen sichtbar machen.

Folgen für regulatorische Politik

Die Schätzungs-Diskrepanz zwischen H2GC und GGL hat reale politische Folgen. Wenn die Politik der GGL-Sicht folgt, wäre kein Reformbedarf erkennbar — der Markt funktioniert, die Kanalisierung ist hoch, alles ist in Ordnung. Wenn die Politik der H2GC- und Schnabl-Sicht folgt, wäre erheblicher Reformbedarf erkennbar — die Hälfte des Marktes liegt unreguliert, was Steueraufkommen kostet und Spielerschutz schwächt.

Folgen der Schätzdifferenz für die regulatorische Politik in Deutschland

Diese Polarisierung blockiert konstruktive politische Diskussion. Beide Seiten verharren in ihren Positionen, und ohne neutrale dritte Instanz mit anerkannter Schätzung findet keine Bewegung statt. Die Bundesländer, die regulatorische Kompetenz im Glücksspielbereich haben, sind in der Folge zurückhaltend mit substanziellen Reformen.

Was am politischen Status quo besonders auffällt: Die Frage, welche Schätzung näher an der Realität ist, wird seltener gestellt als die Frage, welche Schätzung der eigenen politischen Position dient. Diese Politisierung der Methodikfrage ist verständlich, aber sie verhindert eine sachorientierte Debatte.

Aus meiner Sicht ist die Wahrheit über die Kanalisierungsquote vermutlich zwischen 60 und 75 Prozent — also höher als Schnabl und H2GC schätzen, aber niedriger als die GGL-Aussage von über 90 Prozent. Diese Einschätzung basiert auf eigenen Beobachtungen zu Suchvolumen, zu beobachteten Affiliate-Trends und zu Branchengesprächen mit Lieferanten, die in beiden Märkten aktiv sind. Eine harte Zahl kann ich daraus nicht ableiten, aber die Größenordnung scheint mir realistisch.

Für Spieler ist die akademische Diskrepanz weniger relevant als die praktische Konsequenz. Es gibt einen substanziellen unregulierten Markt, und die Größe ist unsicher. Wer informiert spielen will, sollte die Konsequenzen der eigenen Anbieter-Wahl verstehen — sowohl in Schutzwirkung als auch in Quoten- und Margenkonditionen.

Eine weiterführende Beobachtung zur Schätzungs-Frage: Die globale Glücksspielindustrie wird in mehreren parallelen Datenbanken erfasst — H2GC, MECN, Statista, lokale Behörden, akademische Studienreihen. Diese Datenquellen kommen in den meisten Märkten zu vergleichbaren Schätzungen, mit überschaubaren Schwankungen. Der deutsche Markt ist eine der wenigen Ausnahmen mit grundlegenden Abweichungen. Diese Abweichungs-Singularität ist ein Indiz dafür, dass mindestens eine der beiden Schätzungen — die behördliche oder die marktforscherische — methodisch nicht solide ist. Welche es ist, lässt sich ohne neutrale dritte Instanz nicht entscheiden.

Ein letzter Aspekt zur Marktentwicklung: Die Schätzungs-Diskrepanz hat sich seit 2021, nach der GlüStV-Reform, nicht verringert, sondern eher vergrößert. Vor der Reform lagen behördliche und Branchen-Schätzungen näher beieinander, weil die Marktstruktur klarer war. Mit der Einführung des strengen lizenzierten Marktes hat sich der unregulierte Teil — wenn er denn so groß ist — strukturell verändert. Er ist heute internationalisierter, krypto-basierter und weniger sichtbar als zuvor. Diese strukturelle Veränderung macht jede Schätzung schwieriger und erklärt teilweise, warum die methodischen Differenzen gewachsen sind.

Wer kontrolliert H2 Gambling Capital methodisch?

H2 Gambling Capital ist ein privates Marktforschungsunternehmen ohne behördliche Aufsicht. Die methodische Validität ergibt sich aus dem Ruf des Unternehmens, der Konsistenz der Schätzungen über Jahre und der breiten Akzeptanz in Branchenkreisen, Investorenwelt und akademischer Forschung.

Gibt es vergleichbare Schaetzungsdiskrepanzen in anderen EU-Laendern?

Ja, ähnliche Diskrepanzen zwischen Branchen-orientierten und behördlichen Schätzungen finden sich auch in Frankreich, Italien, Spanien und Schweden. Die methodischen Grundlagen sind ähnlich, die politische Polarisierung der Debatte ebenfalls. Deutschland ist hier kein Sonderfall.

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