Buth Meyer Kalke 2024: 2,3 % Spielsucht in DE | TraberNova

Updated Juli 2026
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Inhaltsverzeichnis

Im Bereich der deutschen Glücksspielsucht-Forschung gibt es einen Namen, den jeder kennt, der sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt: Buth, Meyer, Kalke. Die Studienreihe des Instituts für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung Hamburg unter Leitung von Sven Buth, Gerhard Meyer und Jens Kalke ist seit vielen Jahren die wichtigste empirische Erkenntnisquelle zur Verbreitung problematischen Spielverhaltens in Deutschland. Wer regulatorische oder politische Aussagen zur Spielsucht in Deutschland trifft, kommt nicht umhin, sich auf diese Studien zu beziehen. Die aktuellste Erhebung zeigt: rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland zeigen problematisches Spielverhalten, mit erheblichen Unterschieden zwischen Spielformen.

Studieninstitut und Forschungsteam

Das Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung Hamburg (ISD) ist eines der etablierten Forschungsinstitute zur Suchtthematik in Deutschland. Es ist nicht direkt an eine Universität angegliedert, sondern operiert als unabhängige Forschungseinrichtung mit Kooperationen zu mehreren Hochschulen. Die Finanzierung erfolgt aus Drittmitteln, einschließlich öffentlicher Forschungsfonds, Stiftungen und Auftragsforschung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Forschungsteam der Universität Bremen hinter der Spielsucht-Studie

Sven Buth, Gerhard Meyer und Jens Kalke sind die zentralen Forscher der Studienreihe. Sie publizieren seit Jahren regelmäßig zu Glücksspielsucht in Fachzeitschriften und Konferenzbänden. Die ISD-Methodik kombiniert epidemiologische Bevölkerungsstudien, klinische Stichproben, qualitative Interviewerhebungen und Sekundäranalysen administrativer Daten. Diese methodische Breite ist die Stärke der Studienreihe.

Anders als bei branchen-finanzierten Studien wie der Forsa-Umfrage 2024 hat das ISD eine etablierte methodische Tradition, die international anerkannt ist. Studien aus der Reihe werden regelmäßig in Fachzeitschriften wie Sucht oder Journal of Gambling Studies publiziert und sind Teil des international vergleichbaren Forschungsstandards.

1,3 Millionen problematisch Spielende

Das Kernergebnis der aktuellen Studie: Etwa 1,3 Millionen Menschen in Deutschland zeigen problematisches Spielverhalten, hochgerechnet aus repräsentativen Bevölkerungsstichproben und diagnostischen Instrumenten. Diese Zahl entspricht ungefähr 1,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Sie ist deutlich höher als die Selbstauskunfts-basierten Schätzungen wie die Forsa-Umfrage 2024, die bei nur 1 Prozent liegt.

Prävalenz problematischen Spielverhaltens als Säulendiagramm in Deutschland

Die Differenz zwischen selbstberichteten Problemzahlen und diagnostisch erhobenen Problemraten ist in der Suchtforschung gut dokumentiert. Menschen mit problematischem Spielverhalten neigen dazu, ihre eigene Situation zu untertreiben, weil Scham, Verleugnung und kognitive Verzerrungen wirken. Diagnostische Instrumente wie der South Oaks Gambling Screen (SOGS) oder das DSM-5-basierte Inventar fragen nicht nach Selbstwahrnehmung, sondern nach konkreten Verhaltensmerkmalen.

Innerhalb der 1,3 Millionen problematisch Spielenden differenziert die Studie zwischen riskantem Spielen (am unteren Ende der Problemskala) und pathologischem Spielen (am oberen Ende mit klinischer Diagnosekompetenz). Rund 430 000 Menschen erfüllen die Kriterien für pathologisches Spielen — das ist die Gruppe, die typischerweise klinische Behandlung benötigt und bei der die schwersten finanziellen und sozialen Folgen auftreten.

Online-Sportwetten als Risikogruppe

Eine besonders relevante Erkenntnis aus der ISD-Studienarbeit: Online-Sportwetten haben eine deutlich erhöhte Problemrate. Etwa 11,3 Prozent aller Online-Sportwetten-Spieler erfüllen die Kriterien für riskantes oder problematisches Spielverhalten. Diese Quote ist um Größenordnungen höher als bei Lotto-Spielern (unter 1 Prozent) oder Casino-Besuchern im stationären Bereich.

Online-Sportwetten als statistische Risikogruppe für Spielsucht

Mehrere Faktoren tragen zu dieser erhöhten Quote bei. Erstens: Online-Verfügbarkeit 24/7. Wer eine Wett-App auf dem Handy hat, kann jederzeit spielen, ohne räumliche oder zeitliche Barriere. Zweitens: Kurze Wett-Zyklen. Live-Wetten, virtuelle Sportarten und vor allem virtuelle Pferderennen mit 2- oder 3-Minuten-Intervallen erzeugen die für Sucht typischen kurzen Belohnungszyklen. Drittens: Niedriges Schwelleneintritt. Wer ein deutsches Konto eröffnet, kann oft mit minimaler ersten Einzahlung schnell aktiv werden.

Mehr zur Problematik im Sportwett-Bereich findet sich im Beitrag zur Forsa- und ISD-Umfrage zur Spielsucht, der die methodische Diskrepanz zwischen Selbstauskunfts- und diagnostischer Erhebung weiter aufarbeitet.

Diagnostische Instrumente — wie wird gemessen

Die ISD-Studien nutzen mehrere etablierte diagnostische Instrumente. Der South Oaks Gambling Screen (SOGS) ist ein 20-Fragen-Inventar, das nach typischen Verhaltensweisen problematischen Spielens fragt. Beispielfragen umfassen: Häufigkeit verlorener Wetten, Versuche, Verluste zurückzugewinnen (Chasing), Spielen mit größeren Beträgen als beabsichtigt, finanzielle Konsequenzen, Beziehungsfolgen, Heimlichkeit.

DSM-5-basiertes Screening-Instrument auf einem Erhebungsbogen

Das DSM-5-basierte Inventar pathologischen Glücksspielens folgt den klinischen Kriterien der American Psychiatric Association und ist diagnostisch ausgerichtet. Es unterscheidet zwischen mildem (4-5 Kriterien erfüllt), moderatem (6-7 Kriterien) und schwerem (8-9 Kriterien) pathologischem Glücksspielen.

Beide Instrumente werden in der Studienreihe parallel eingesetzt, um die Validität der Ergebnisse zu prüfen. Die Konvergenz der Ergebnisse zwischen den Instrumenten erhöht das Vertrauen in die Schätzungen erheblich.

Vergleich international

Die deutschen Problemraten in der ISD-Schätzung liegen im europäischen Durchschnitt. Studien aus Großbritannien, Frankreich, Schweden und den Niederlanden kommen zu ähnlichen Problemraten zwischen 1 und 3 Prozent für riskantes plus problematisches Spielen, mit etwa 0,5 bis 0,8 Prozent für pathologisches Spielen.

Internationale Prävalenz problematischen Spielverhaltens auf einer Karte

Was im internationalen Vergleich auffällt: Länder mit liberalerer Glücksspielregulierung haben tendenziell höhere Problemraten. Großbritannien, das eine sehr offene Marktstruktur mit umfassender Online-Verfügbarkeit hat, liegt am oberen Ende der Schätzungen. Schweden, das eine restriktivere staatliche Regulierungstradition hat, liegt am unteren Ende. Deutschland mit der GlüStV-2021-Reform liegt in der Mitte.

Diese Korrelation legt nahe, dass regulatorische Architektur einen messbaren Einfluss auf Problemraten hat. Strengere Schutzauflagen reduzieren das problematische Verhalten — aber sie reduzieren auch das gesamte Spielvolumen, was wirtschaftliche Kosten erzeugt. Diese Trade-off-Situation ist die Grundlage jeder Glücksspielregulierung.

Konsequenzen für Politik und Spielerschutz

Aus den Buth/Meyer/Kalke-Daten ergeben sich konkrete politische Implikationen. Erstens: Die Spielerschutzarchitektur in Deutschland ist berechtigt. Wenn 1,3 Millionen Menschen problematisches Spielverhalten zeigen, ist das eine substanzielle gesellschaftliche Herausforderung, die nicht durch Selbstverantwortung allein gelöst werden kann.

Zweitens: Online-Bereiche brauchen besondere Aufmerksamkeit. Mit Problemraten von 11,3 Prozent bei Online-Sportwetten ist hier der größte Hebel für Schutzwirkung. LUGAS-Einsatzlimit, OASIS-Sperrsystem und Realitäts-Check-Mechanismen sind wichtige Instrumente — ihre Wirksamkeit sollte empirisch evaluiert werden.

Drittens: Virtuelle Sportarten mit hoher Frequenz sind ein besonderes Risikofeld. Die kombinatorische Eigenschaft kurze Zyklen plus Online-Verfügbarkeit plus permanente Bereitschaft macht virtuelle Pferderennen, virtuellen Fußball und ähnliche Formate zu Hochrisikoangeboten. Regulatorische Diskussionen über Mindestintervalle sind nicht abwegig.

Aus meiner Sicht ist die wichtigste Lehre aus der Buth/Meyer/Kalke-Studienarbeit für Spieler: Die diagnostischen Instrumente sind öffentlich zugänglich und können als Selbst-Screening genutzt werden. Wer den Verdacht hat, eigenes Spielverhalten könnte problematisch sein, sollte sich einen SOGS-Fragebogen oder ähnliches diagnostisches Instrument anschauen und ehrlich beantworten. Wer mehrere Kriterien erfüllt, sollte professionelle Beratung in Anspruch nehmen — etwa bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder bei regionalen Suchtberatungsstellen.

Die Studienreihe wird voraussichtlich in den kommenden Jahren fortgesetzt, mit aktualisierten Schätzungen zum Stand 2025 oder 2026. Branchen-Beobachter erwarten, dass die Online-Sportwetten-Problemrate weiter leicht steigen könnte, weil virtuelle Sportarten und Live-Wetten weiter Marktanteile gewinnen — Spielformen mit besonders hohen Problemraten.

Ein weiterer Aspekt, der die Buth/Meyer/Kalke-Erkenntnisse für die Praxis relevant macht: Die Studien dokumentieren regionale Unterschiede in den Problemraten. Großstadt-Ballungsräume mit hoher digitaler Durchdringung zeigen leicht höhere Problemraten als ländliche Regionen. Bestimmte Bundesländer mit historisch liberalerer Spielautomaten-Regulierung weisen ebenfalls geringfügig höhere Werte auf. Diese geografische Differenzierung ist für Suchtberatungs-Strukturen wichtig, weil sie zeigt, wo Beratungsangebote besonders bedarfsgerecht ausgebaut werden müssten.

Wie diagnostiziert man pathologisches Spielen klinisch?

Klinische Diagnosen erfolgen durch geschulte Therapeuten oder Suchtberater anhand standardisierter Instrumente wie dem DSM-5-Kriterienkatalog. Mindestens vier der neun definierten Kriterien müssen über einen 12-Monats-Zeitraum erfüllt sein, darunter Kontrollverlust, Chasing-Verhalten und negative finanzielle oder soziale Konsequenzen.

Werden Buth/Meyer/Kalke-Studien staatlich gefoerdert?

Die Studienreihe wird teilweise durch öffentliche Mittel der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung finanziert und durch wissenschaftliche Forschungsfonds ergänzt. Diese Finanzierungsstruktur ist transparent dokumentiert und unabhängig von Glücksspiel-Branchen-Interessen.

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